Terrorismus in den Sozialen Medien – eine Übersicht

 

Das Internet ist bereits seit mehr als 2 Jahrzehnten auch ein Medium, welches für Propaganda, Radikalisierung und Vernetzung von Extremisten missbraucht wird. Bereits vor der Etablierung von Web 2.0 Anwendungen, also dem Zeitalter von Social Media im heutigen Verständnis, waren Terrororganisationen und Extremisten unterschiedlicher Ideologien im Web aktiv. Egal ob es sich um das Terrornetzwerk Al Qaida, rechtsextreme Vereinigungen, Verschwörungstheoretiker oder Stalinisten handelt, das Internet war schon in der Frühphase des World Wide Web eine beliebte Möglichkeit um vergleichsweise günstig und unkompliziert eine hohe Anzahl an Menschen mit entsprechenden Botschaften erreichen zu können. Für die Absender der Propaganda, bot die Anonymität und dezentrale Struktur des Internets einen strategischen Vorteil.

Während „Al Quaida“ zwar übersetzt „die Basis“ bedeutet, wurde die Organisation im Laufe ihrer Entwicklung immer dezentraler, ein Merkmal, das auch beim „IS“ (früher ISIS „Islamischer Staat“, manchmal auch „DAESH“) eine große Rolle spielt.

Diese transnationale Struktur, mit unterschiedlichen Ablegern und diffus assoziierten, im Sinne der „Dachmarke“ agierenden Terrorzellen wird durch moderne Kommunikationsmethoden begünstigt. Quelle: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-94173-8_7

Der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon bemerkt im entsprechenden UN-Bericht zum Thema dazu richtig:

The Internet is a prime example of how terrorists can behave in a truly transnational way; in response, States need to think and function in an equally transnational manner.” Ban Ki-moon Secretary-General of the United Nations

Quelle: https://www.unodc.org/documents/frontpage/Use_of_Internet_for_Terrorist_Purposes.pdf


Doch welche Ziele verfolgen Terrororganisationen in den Sozialen Medien?

 

Um diese Frage zu beantworten, muss man zwischen „interner und externer“ Kommunikation der Terroristen unterscheiden. Für IS-Sympathisanten gibt es das „hauseigene“ IS-Medium „Al-Naba“ („Die Ankündigung“), wo nicht nur zukünftige „Schwerpunkte“, sondern auch „erfolgreiche Operationen“, also ausgeführte Anschläge thematisiert werden. So war bereits kurz vor dem Anschlag in Wien im November 2020 von einer „vermehrten Aktivität in Europa“ die Rede, wie der Anti-Terrror Experte Dr. Michael Barak, senior researcher am International Institute for Counter-Terrorism (ICT) betont:

The main narrative during the coronavirus is to increase attacks against Western groups on Western soil and also to focus on Western targets in the Middle East, to exploit the fact that Middle Eastern governments arent able to control the situation because they invest a lot of effort and money in coping with the coronavirus.

Im Interview mit der Nahost-Nachrichtenagentur „themedialine“, empfiehlt er, regelmäßig die Inhalte der IS Propagandaschrift „Al-Naba“ zu verfolgen und warnt neben dem IS auch vor neuen Al Quaida Aktivitäten:

Both ISIS supporters and al-Qaida in the Arabian Peninsula had called for attacks on Charlie Hebdo before the stabbings.

Quelle: https://themedialine.org/top-stories/isis-exploiting-coronavirus-pandemic-counter-terror-experts-warn/

So professionalisiert die Propaganda der Terror-Organisationen auch sein mag, ist sie in vielen Fällen nicht der Einstieg in extremistisches Gedankengut. Radikale Hassprediger, besonders bekannt ist hier die Salafistische Szene, schaffen oft die ideologische Grundlage für zukünftige Attentäter. Weitere Organisationen, welche für eine fundamentalistische Religionsauslegung und weltweiten politischen Einfluss stehen, sind die Muslimbruderschaft, die türkische Millî Görüş Bewegung oder die vom Iran unterstützte schiitische Hisbollah. Bei den Zielsetzungen kann es zwar Konkurrenzsituationen zwischen den „Bewegungen“ geben, aber auch gemeinsame Ziele.

Eines dieser gemeinsamen Ziele ist die Kampagne gegen Emmanuel Macron und Frankreich, die sowohl in schiitischen als auch sunnitischen Kreisen eine Rolle spielt. Hierbei muss natürlich differenziert werden, dass nicht jede Kritik am Krisenmanagement und der Rhetorik von Macron gleich islamistisch oder extremistisch sein muss. Tatsächlich gibt es aber weltweit eine Vielzahl von Gewaltaufrufen gegen Frankreich und französische Einrichtungen unter dem Hashtag #Stopmacron der im Rahmen der Anti-Macron Kampagne eingesetzt wird.

Hierbei ist auch die Rolle von staatlichen Akteuren zu nennen, Vertreter in Pakistan, der Türkei, Malaysia, aus den Golfstaaten und viele andere haben den Diskurs alles andere als deeskaliert, sondern teilweise sogar aktiv geprägt und so zu einer hitzigen und eskalierenden Rhetorik, bis hin zu Gewaltaufrufen beigetragen. Ein negativer Höhepunkt war der Tweet des ehemaligen Premierministers von Malaysia, der in einem Tweet davon sprach, dass Muslime das Recht hätten Franzosen zu töten. Diese Tweet wurde zuerst aufgrund von Gewaltverherrlichung von Twitter markiert und nach massiven Protesten entfernt.

Bericht: https://www.france24.com/en/live-news/20201029-malaysian-ex-pm-mahathir-says-muslims-have-right-to-kill-french

Screenshot des Tweets des Ex-Premiers mit dem Hinweis von Twitter, dass dieser Gewalt glorifiziert

 

Identität der Täter und mediale Rezeption

 

Die Veröffentlichung und Verbreitung der Namen von Attentätern gilt als sehr umstritten, da man davon ausgeht, damit die „Kommunikationsarbeit“ der Terrororganisationen zu unterstützen. Gleichzeitig können Informationen über die Vita der Täter wichtige Rückschlüsse zulassen und sollten so auch der zivilen Forschung zugänglich sein. Ein ähnlicher Balanceakt gilt für die Verfügbarkeit von Videos, welche die Anschläge zeigen. Wichtig ist, dass die Identität und Würde der Opfer bewahrt wird und Kinder sowie Jugendliche von diesen Inhalten geschützt sind. Ist eine Terrorattacke noch im Gange, können veröffentlichte Videos im schlimmsten Fall von den Attentätern genutzt werden und so ein massives Sicherheitsrisiko darstellen.

Besonders kritisch ist auch das Veröffentlichen von Videos zu sehen, welche direkt von der Terrororganisation selbst erstellt wurden, zum Beispiel von Hinrichtungen und Ermordungen. Websites, welche sich unter dem vorgeblichen Motiv der „Pressefreiheit“ auf das Veröffentlichen von Gewaltszenen spezialisiert haben, veröffentlichten 2018 beispielsweise ein Video auf dem die Ermordung zweier europäischer Rucksacktouristinnen in Marokko durch IS Terroristen zu sehen war.

 

Wo sind die Gemeinsamkeiten zwischen islamistischer und rechtsradikaler Propaganda in den Sozialen Medien?


-) Dezentrale Strukturen: einzelne Extremisten bekommen durch die „Marke“ und
„Mission“ das Gefühl einer Gemeinschaft, mit „gemeinsamen Zielen“ und

gemeinsamen Feinden“

) Irrationales Weltbild : geprägtvon (meist antisemitischen) Verschwörungstheorien, demokratiefeindlich und autoritär

-) Neben Juden sind auch die LGBTQ-Szene, emanzipierte Frauen und Atheisten gängige Feindbilder

-) Social Media wird nicht nur zum Konsum von Propaganda genutzt, sondern auch zur Vernetzung und Verbreitung dieser Inhalte

-) Gruppierungen haben eigene „Codes“ und „Running Gags“, welche für Außenstehende nicht immer leicht erkennbar sind

-) Sowohl im Rechtsextremismus als auch im Islamismus gibt es Propagandisten, welche einerseits Gewalt zwar offiziell verurteilen, andererseits diese rechtfertigen und an anderer Stelle feiern

-) Die vermehrte Nutzung „sicherer“, verschlüsselter Kanäle, oder in Westeuropa weniger geläufiger Sozialer Netzwerke, welche nicht unter westlicher Kontrolle sind. Telegram kooperiert im Kampf gegen terroristische Propaganda mit Europol, man weiß allerdings auch, dass sich diverse „Covid-19 Skeptiker“ mit antisemitischen, rechtsextremen Narrativen auf Telegram zurückgezogen haben

Quelle: https://www.europol.europa.eu/newsroom/news/europol-and-telegram- take-terrorist-propaganda-online


Welche Rolle k
önnen Behörden und Zivilgesellschaft spielen?


Während Social Media-Betreiber zwar unter anderem auch künstliche Intelligenz einsetzen, um extremistischen Content zu blocken, bleiben viele gewaltverherrlichenden Inhalte bestehen. Das hat nicht nur mit der mangelnden Leistung der künstlichen Intelligenz zu tun, sondern in der Komplexität wie menschliche Kommunikation funktioniert und wie gefährliche Botschaften oft weder von einer AI, noch von menschlichen Prüfern erkannt werden. Gleichzeitig werden sowohl von der Künstlichen Intelligenz, als auch von Menschen im sogenannten „Screening“, Inhalte oft zu Unrecht als problematisch, extremistisch oder falsch erkannt.

2018 hat sich die EU Kommission dazu entschlossen, Plattformen mehr in die Verantwortung zu nehmen und Terrorpropaganda viel rascher (verpflichtend) entfernen zu lassen: https://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2018/PK1064/

Auch Interpol hat sich der systematischen Analyse von Terrorinhalten verschrieben, arbeitet hier auch zum Beispiel in Kooperation mit Saudi Arabien zusammen, einer absolutistischen Monarchie, welche selbst mit dem Vorwurf konfrontiert wird, Extremismus zu fördern und zu exportieren.

Quelle: https://www.interpol.int/Crimes/Terrorism/Analysing-social-media

Eine große Diskussion auf Europäischer Ebene gibt es derzeit um die Frage, ob verschlüsselte Kommunikation in Zukunft verboten werden soll. Kritiker betonen die Abschaffung der Privatsphäre und Vorteile für autokratische Regimes, während Befürworter die Vorteile in der Verfolgung und Überwachung von Extremisten in den Raum stellen.


Wie kann die Gesellschaft reagieren?


Das größte ungenutzte Potential, sind die Millionen NutzerInnen der Sozialen Medien und deren Möglichkeit radikale Inhalte an die Behörden zu melden. Hier fehlt es in vielen Fällen an dem Wissen, welche Inhalte überhaupt radikal sind, direkt oder indirekt zur Gewalt aufrufen können und zu extremistischen Organisationen gehören. In Hinblick auf diverse Terrororganisationen, wäre es
wichtig, dass international- tätige Akteure wie Hisbollah, Hamas, Muslimbruderschaft, Millî Görüş und IS in ihren Aktivitäten nicht nur von Experten erkannt werden, sondern in ihrer Symbolik frühzeitig auch von NutzerInnen aus der Zivilgesellschaft identifiziert und gemeldet werden können. Dazu bedarf es aber einer vermehrten Aufklärungsarbeit über Symbolik, Narrative, Akteure und „Codes“ dieser Netzwerke.

Diese Kenntnisse sind auch wichtig um nicht in eine „Meldeflut“ und Denunziantentum gegenüber Unschuldigen zu verfallen. Ein Beispiel für ein relativ bekanntes, strafrechtlich verbotenes Symbol des islamistischen Terrors ist das „schwarze Banner“, welches von Al Qaida, IS und den Taliban genutzt wird.

Wesentlich mehr gesamtgesellschaftlich inhaltliche Kompetenz gibt es bei rechtsextremer Propaganda, was auch an der meist nicht vorhandenen Sprachbarriere liegen kann und an den Erfahrungswerten der letzten Jahrzehnte. Wichtig ist, dass wie im Falle der z.B. IS-Flagge, hier die Rechtslage für Postings und Tweets auch für islamistische Propaganda entsprechend angeglichen wird.

Auch die strafrechtliche Relevanz von rechtsextremer Symbolik erhält regelmäßige Updates: In Bremen ist beispielsweise, die Reichskriegsflagge und die Flagge des Norddeutschen Bundes seit September 2020 verboten, da diese zwar bereits vor dem NS Regime im Gebrauch waren, aber seit Jahren bei Neonazis sehr populär sind um das inzwischen seit vielen Jahrzehnten verbotene Hakenkreuzbanner zu ersetzen.


Desinformation im Falle von Anschl
ägen


Meldungen, welche weltweite Aufmerksamkeit mit sich ziehen und von weitreichender Bedeutung sind, ziehen sehr oft auch eine Reihe von Verschwörungstheorien und gezielten Desinformationen mit sich. Das betrifft nicht nur Vorgänge rund um den Anschlag selbst, sondern auch die Urheber, Motive, bis zur Anzahl der Opfer.

Verfolgt man die Tweets mit dem Hashtag #Vienna in der Nacht des Anschlags, konnte man unter den angeblichen „Tätern“ von Kurden, Tschetschenen und Juden bis hin zu „False Flag Agenten der Regierung“ alles finden. Hier Nutzen Ideologen unterschiedlichster Couleur ein Ereignis von globaler Bedeutung, um eine gewisse Agenda bzw. ein spezifisches Feindbild zu forcieren. Während sich manche „Erzählungen“ mit komplexen Erklärungen auch über längere Zeit entwickeln, gibt es die konzentrierte „Flut“ an Falschinformationen speziell in den ersten Augenblicken nach dem Anschlag. Das konnte man jetzt im Falle der Ereignisse in Wien beobachten, aber auch zuvor schon z.B. in Paris, Nizza und London
Interview mit Dietmar Pichler (Programmatic Director des Zentrums für Social Media Kompetenz) zum Thema:
https://www.miss.at/expertentipps-so-gehst-du-derzeit-am-besten-mit-social-media-um/

Fazit: Die Bedeutung der Sozialen Medien wird nicht abnehmen


Die Bedeutung von Social Media bei der Radikalisierung, Vernetzung und Formierung künftiger
Terroristen wird weiterhin wachsen. Diese Herausforderung kann nur auf breiter Ebene angenommen werden, die Sicherheitsbehörden alleine, werden die Menge an Daten weder verarbeiten, interpretieren noch beobachten können. Dafür braucht es eine Gesellschaft die aufgeklärt, wachsam, jedoch nicht paranoid ist.

Autor: Dietmar Pichler

Zentrum für Social Media Kompetenz
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